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DIE ZEIT - Do 11.01.2007
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zum Artikel 'Inquisitoren des guten Willens’

Sabine Rückerts Artikel ’Inquisitoren des guten Willens’ greift ein Thema auf, das in den 90iger Jahren zu großer Verunsicherung von Kinderschutzeinrichtungen, sozialen Diensten und Gerichten führte und äußerst kontrovers diskutiert wurde. Insbesondere bezieht sie sich auf die so genannten ‚Wormser Prozesse’ zwischen 1994 und 1997, in deren Verlauf es zu unklaren Grenzen zwischen unterschiedlichen Institutionen und einer Vermengung der jeweiligen Funktionen kam. Durch die Verfahren wurde deutlich, wie wichtig die Abgrenzung eigenständiger Arbeitsbereiche zwischen Strafverfolgung und Kinderschutz ist.
Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf den Artikel der Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller in ’INPUT, Aktuell zum Thema sexualisierte Gewalt’, Donna Vita Marion Mebes OHG, 1998, in dem sachlich differenziert diese Vorgänge behandelt werden.

Die polemischen Behauptungen, die Verallgemeinerung und damit einhergehende Diffamierung durch Frau Rückert schaden in erster Linie den Opfern, die auch nach neuesten Erkenntnissen nur zu einem minimalen Prozentsatz den Rechtsweg einschlagen und Anzeige erstatten. Mit unsachlicher Kritik das Vertrauen in die Fachleute zu unterminieren, die sich seit Jahren mit Erfolg bemühen, die Ermittlungsverfahren und Befragungsmethoden für kindliche Opferzeugen fachlich weiterzuentwickeln, stärkt allenfalls die Täterlobby. Bei der Wahl der zu ergreifenden Mittel müssen Kinderschutz und Kindeswohl an erster Stelle stehen. Eine vorschnelle Anzeige wird mit Sicherheit von keiner der beteiligten Stellen als ein in diesem Sinne geeignetes Mittel verstanden.
Dennoch kann bei keiner Straftat, auch bei sorgfältigster Ermittlung, ausgeschlossen werden, dass gegen eine unschuldige Person Anklage erhoben wird. Dabei ist unbenommen: Jeder Fall ist bedauerlich und ein Fall zu viel. Einen solchen Fall jedoch dahingehend zu missbrauchen, Kinderschutzeinrichtungen, Jugendämter und Ermittlungs­behörden samt und sonders zu diffamieren, dient keineswegs dem Opferschutz. Eine Strafanzeige muss, da wir hier vom Bereich des Strafrechts sprechen, als ein Mittel des Kinderschutzes und der Strafvereitelung verstanden werden.
Die in der Bundesarbeitsgemeinschaft feministischer Organisationen gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen (BAG FORSA) organisierten Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt, u.a. mit dem Namen ’Wildwasser’, haben sich – immerhin liegen die ’Wormser Prozesse’ mehr als zehn Jahre zurück – intensiv mit eigenen Arbeitsansätzen und Interventionsmodellen auseinander gesetzt.
So brachte ein zwischen 2001 und 2003 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bundesweit gefördertes Qualitätsentwicklungsprojekt nicht nur mehrere Studien zu Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der praktischen Arbeit hervor, sondern es wurden in diesem Rahmen ebenfalls Qualitätskriterien für die Tätigkeit der Fachberatungsstellen vor Ort entwickelt (vgl. ‚Qualitätsstandards für die Arbeit in den feministischen Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen und Frauen’, 2004).
Die in der BAG FORSA vertretenen Organisationen sind Fachstellen mit fundierten Kenntnissen auf dem Gebiet der Arbeit gegen sexualisierte Gewalt.
Über die Beratungsarbeit hinaus leisten die Fachberatungsstellen Präventionsarbeit, die die Entwicklung von Stärken, Autonomie und Selbstbestimmung unterstützt. Sie fördert Strukturen und Maßnahmen zur Verhinderung und/oder Beendigung von sexualisierter Gewalt. Der breiten Öffentlichkeit werden umfangreiche Informationen zugänglich gemacht.
Aufbau und Pflege von multidisziplinärer Vernetzung vor Ort dienen der fachlichen Grundlage der Beratungsarbeit und berücksichtigen inhaltliche Schwerpunktsetzungen, Auftrag und Zuständigkeiten sowie fachliche und strukturelle Unterschiede.
Die in der BAG FORSA zusammengeschlossenen Fachberatungsstellen arbeiten auf der Grundlage eines feministischen Konzeptes. Darunter wird eine politische Haltung verstanden, die sich gegen strukturelle Gewalt und jede Form von Diskriminierung in unserer Gesellschaft wendet und die die Auseinandersetzung mit der Lebenssituation von Mädchen und Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen in unserer Gesellschaft fachlich und persönlich beinhaltet.
In der konkreten Beratungsarbeit wird Gewalt als solche benannt und abgelehnt. Gewalterfahrungen werden nicht nur auf der individuellen Ebene betrachtet, sondern auch in den Kontext von struktureller Gewalt gesetzt. Denn: Sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt sind Menschenrechtverletzungen, die es zu ächten gilt.

Frau Rückert bezieht sich in ihrem Artikel auf Ereignisse, die in den 90iger Jahren stattgefunden haben und scheint offenbar keine Kenntnis von den Diskussionen und fachlichen Entwicklungen der letzten zehn Jahre erhalten zu haben.
Den Verdacht, Frau Rückert könnte ihr soeben erschienenes Buch mit dem Titel ’Unrecht im Namen des Volkes’ mit Hilfe des Artikels ‚Inquisitoren des guten Willens’ der Öffentlichkeit vorstellen wollen, würden wir gern ausräumen.
Wir bedauern zutiefst, dass DIE ZEIT, die für uns stets ein um journalistische Ausgewogenheit und Professionalität ringendes Printmedium darstellte, für Frau Rückert ein Forum für uninformierte und schlechte Berichterstattung geboten hat.

Bundesarbeitsgemeinschaft feministischer Organisationen gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen (BAG FORSA)
Eva-Maria Nicolai
Marie-Luise Stöger
(Vorstand)

 

   

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